• Lena

Psychisch krank - Die vielen Facetten einer Fassade


Stigma psychische Erkrankung
Psychisch krank - Du siehst es vielen nicht an. Gutes Fassadenmanagement.

Liebe Leute,


wenn man sich auf Instagram umschaut, könnte man meinen, dass psychische Erkrankungen total normal und sogar im Trend sind! Niemand versteckt sich, alle posten ganz offen, wie es ihnen geht und dass man sich für nichts schämen muss. Und sowieso, Mental Health ist doch in aller Munde und Teil unserer täglichen Morgenroutine, oder etwa nicht? Naja, ich finde Trends immer ein bisschen suspekt und in diesem Fall ganz besonders, weil Erkrankungen nie zum Trend werden sollten und es Menschen dazu verleitet, Selbstdiagnosen zu stellen. Das ist gefährlich und nicht im Sinne des Erfinders! Darüber werde ich zu einem anderen Zeitpunkt nochmal schreiben. (Ich bin schließlich auch auf Instagram.) Aber heißt dieser Instagram-Trend nun, dass wir alle ganz offen mit psychischen Erkrankungen umgehen, uns nicht mehr verstecken und wir keine Stigmatisierung oder Ausgrenzung mehr fürchten müssen? Leider nein. Außerhalb der Instagram-Blase sieht es oft noch anders aus.


Im „real life“ kämpfen immer noch sehr viele Menschen tagtäglich damit, dass sie psychisch krank sind und darüber nicht offen reden können. Nicht nur Betroffene, die bereits eine Diagnose haben, sondern auch viele Menschen, die noch nicht wirklich wissen, was mit ihnen los ist. Und auch Menschen wie ich, die ihre Erkrankung überwunden haben, können die Fassade noch nicht ganz abbauen.


Die Fassade vor der Diagnose

Psychische Erkrankungen entstehen meist schleichend. Wir wachen nicht eines morgens auf und haben Schmerzen oder merken, dass irgendwas nicht stimmt. Nein, meist haben Betroffene über viele Monate oder sogar Jahre dieses Gefühl anders, komisch oder „verrückt“ zu sein. "Ich wusste 30 Jahre lang nicht, dass das eine Depression ist" sagte der Komiker Kurt Krömer vor Kurzem, als er beim Radiosender einslive über seine Depression sprach. Weil psychische Erkrankungen sich auf so unterschiedliche Weise zeigen und nicht wirklich greifbar oder in Worte zu fassen sind, fällt es Betroffenen oft schwer, zu erkennen, dass sie krank sind. Sie merken, dass sie „anders“ sind, nicht „normal“ funktionieren, traurig, energielos, angespannt, ängstlich, überdreht…sind. Dass all diese Symptome aber zu einer Erkrankung gehören, wird erst spät klar. Bis dahin versuchen sie ihr Anderssein zu verstecken, weil sie sich schämen so anders zu sein. Sie geben sich oft selbst die Schuld an ihrem Zustand und versuchen diesen durch Selbstoptimierung, Verdrängung oder andere, meist sehr ungesunde Wege, zu verschleiern. Das raubt sehr viel Energie. Ständig eine Fassade aufrechtzuerhalten, damit keiner merkt, dass man „komisch“ ist, ist ein Kraftakt, der stresst und bereits vorhandene Symptome womöglich noch verschlimmert. Viele Menschen halten das so lange durch, bis der Körper oder die Seele endgültig streikt und sie aufgrund ihrer Beschwerden ärztliche Hilfe benötigen.


Nach der Diagnose – Fassade 2.0

Für viele Betroffene ist eine Diagnose erstmal eine große Erleichterung. Sie verstehen, dass sie nicht „verrückt“ oder „anders“ sind, sondern krank. Auch dieses Verständnis kommt nicht von heute auf morgen, sondern ist ein Prozess. Für viele allerdings ein sehr heilsamer Prozess und einer der wichtigsten Schritte in Richtung Genesung. Doch haben sich damit die Gefühle von Anderssein und Scham wirklich erledigt? Meist leider nicht. Auch wenn klar ist, dass eine Erkrankung hinter den Symptomen steckt, fällt es oft schwer, diese anzuerkennen und vor allem offen damit umzugehen. Also - nächste Fassade. Denn hier kommt die Gesellschaft und die immer noch anhaltende Stigmatisierung psychisch erkrankter Menschen ins Spiel. Auch wenn Betroffene die Erkrankung für sich akzeptiert haben, heißt das nicht, dass das Umfeld dies auch tut. Viele Erkrankte verstecken ihre Symptome also weiterhin, vor Familie, Freunden oder Arbeitskollegen. Neue Fassade, der gleiche zusätzliche Stress! Denn wieder heißt es Niedergeschlagenheit, Konzentrationsprobleme, Ängste … möglichst verstecken, um nicht komisch angeschaut oder als Simulant*in dargestellt zu werden. Ja, das passiert oft noch, denn die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen ist halt irgendwie in unseren Köpfen. „Das ist die Psyche“ – den Satz möchte kein*e Angestellte*r hören, weil immer etwas wie „hat zu viel Stress“ mitschwingt, was eine psychische Erkrankung total verharmlost. Von den „stell dich nicht so an“-Sprüchen mal ganz abgesehen. Ein „Manager-Burnout“ zu haben wird zwar noch akzeptiert, aber eben nur solange man es nicht „Erschöpfungsdepression“ nennt.


Und wenn alles wieder gut ist? Fassadenmanagement light

Zum Glück verstehen immer mehr Menschen, dass psychische Erkrankung wie Depressionen oder Angststörungen gut behandelbar sind und wenden sich an die betreffenden Stellen. Es gibt mittlerweile viele unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten für diese Erkrankungen und meistens führen sie zu einem guten Erfolg. Dennoch ist es oft ein langer Weg der Genesung. Ich glaube viele Betroffene tun sich wahrscheinlich schwer, zu sagen, dass sie „geheilt“ sind, auch wenn sie weitestgehend symptomfrei sind. Denn psychische Erkrankungen wie Depressionen verlaufen oft in Phasen. Nur weil es mir im Moment gut geht und ich keine Symptome habe, heißt das nicht, dass das für immer so bleibt. Gerade in guten Zeiten ist es wichtig, wachsam zu sein, um Anzeichen zu erkennen, die darauf hindeuten könnten, dass sich eine neue Phase anschleicht. Das heißt für Betroffene, dass sie ihren Alltag möglichst stressfrei und „triggerarm“ gestalten sollten (noch so ein Trendwort). Auch das birgt Herausforderungen. Auch wenn es mir nach meiner Erschöpfungsdepression (ich bevorzuge diese Bezeichnung) zurzeit wieder supergut geht, sogar so gut wie nie zuvor eigentlich, muss ich darauf achten, dass das auch so bleibt. Bei mir bedeutet das, Pausen und Ruhe einplanen. Es tut mir nicht gut, auf jeder Hochzeit zu tanzen, neben meiner Arbeit ständig unter Menschen oder unterwegs zu sein. Das heißt für mich oft eben auch mal keine Verabredungen treffen oder die Geburtstagseinladung abzusagen. Wenn der Stress trotzdem groß ist, heißt es auch auf der Arbeit so zu tun als wäre ich voll konzentriert bei der Sache, obwohl mir eigentlich das Zuhören schon schwerfällt. Auch wenn also alle denken, dass es mir wieder gut geht und alles „vorbei“ ist, erhalte ich weiterhin manchmal eine gewisse Fassade aufrecht. Warum? Naja, mir geht es ja wieder gut. Es wird nur wenig darüber gesprochen, dass es auch Arbeit und Energie kostet, dieses „gut“ aufrechtzuerhalten, wahrscheinlich würde das keiner verstehen und ich wieder als „krank“ gelten? Ich denke das spielt eine große Rolle. Eigentlich sollte doch jeder stolz darauf sein, die Krankheit überwunden zu haben. Aber irgendwie bleibt halt immer noch ein Rest. Eine psychische Erkrankung hat nun einfach viele Facetten, genauso wie die Fassaden, die wir in den einzelnen Phasen versuchen aufrecht zu erhalten.


Lass die Fassade bröckeln – in deinem Tempo!

Wichtig ist: Fühle dich nicht schuldig, weder dafür krank zu sein noch dafür, dies (erstmal) zu verstecken. Du entscheidest, mit wem und in welchem Umfang du über deine Erkrankung sprichst. Wenn dir der Druck am Arbeitsplatz zu groß ist und dir das zusätzlichen Stress verursachen würde, dann halte dich vielleicht erst einmal zurück. Es ist immer ein Balanceakt, weil wir nie wissen, wie Menschen reagieren. Dennoch ist es unglaublich wichtig, über die Erkrankung zu sprechen und damit vielleicht bei Menschen zu beginnen, die dir ein gutes Gefühl vermitteln. Bedenke immer, dass es sehr viel zusätzliche Energie kostet, deine Fassade aufrechtzuerhalten und dass dies deine Symptome weiter verschlimmern kann. Du hast ein Recht darauf, gesund zu sein und dir Hilfe zu suchen. Wende dich also an Menschen, denen du vertraust und fange so an, deine Fassade langsam abzubauen. Je mehr Menschen das tun, desto offener sprechen wir über psychische Erkrankungen und desto besser können auch nicht Betroffene die vielen Facetten und Fassaden verstehen, die diese mit sich bringen.


Schreibe gerne in die Kommentare, wie deine Erfahrungen sind. War es schwer, die Fassade aufrechtzuerhalten bzw. sie bröckeln zu lassen? Wie haben andere darauf reagiert, als du offen über deine Erkrankung gesprochen hast?


Teile diesen Post gerne mit Menschen, denen er helfen oder gefallen könnte.


DANKE


Lena

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