• Lena

Lass uns mal einen Kaffee trinken! – So simpel und doch so kompliziert



Liebe Leute da draußen,


es ist wissenschaftlich bewiesen, dass soziale Kontakte, unsere Freunde und Familie, eine ganz wichtige Rolle in unserem Leben spielen - vor allem für Menschen mit Depressionen. Aber während einer Depression ist es unglaublich anstrengend und kompliziert, diese Kontakte aufrechtzuerhalten. Der Versuch gleicht manchmal einem Minenfeld und alle versuchen krampfhaft, den richtigen Weg hindurch zu finden. Ein einfacher Satz wie Lass uns mal wieder einen Kaffee trinken gehen kann für depressive Menschen eine große Herausforderung sein, daher möchte ich versuchen zu beschreiben, was er bei Betroffenen auslösen kann.


Draußen ist nicht drinnen

Wenn die Depression sich mal wieder eingeschlichen hat, sind viele Dinge im Alltag einfach unglaublich schwer zu meistern. Das fängt für viele beim Aufstehen an, weil die Schwere einfach dafür sorgt, dass es sooo viel einfacher ist, im Bett zu bleiben. Selbst das Gewohnte, wie z.B. Essen kochen, einen geregelten Tagesablauf aufrechterhalten oder eben eine Nachricht beantworten ist unglaublich anstrengend, weil es sich anfühlt, als müsste man für all diese Dinge erstmal eine Tonne Steine von seinem Körper abschütteln. Alles, was sich innerhalb der eigenen, sicheren, gewohnten vier Wände abspielt, ist schon eine echte Herausforderung. In diesen Phasen einen Schritt nach draußen zu machen, ist vielleicht ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein sehr großer für Menschen mit Depressionen! Leider gibt es noch keinen Raumanzug für Depressive – wäre vielleicht Mal eine Idee. Also, draußen ist nicht drinnen. Drinnen ist Ruhe, Trägheit, eine Höhle, keiner sieht mich, keiner will was von mir, ich muss mich nicht noch mehr anstrengen als sowieso schon. Ich kann bestimmen, ob ich rede, zuhöre oder überhaupt irgendwie interagiere. Aber draußen? Unendliche Weiten, Menschen, Lärm, alle sehen mich, alles ist anstrengend … und das beschreibt nur den Weg von der Haustür zum Auto, von einem Besuch im Supermarkt oder einem Café mal ganz zu schweigen.


Gedanken an

Nun haben (hoffentlich möglichst) viele aber zum Glück diese tollen Menschen um sich herum, die sich sorgen, aufmuntern und helfen wollen. Erstmal - danke! An all diese Wegbegleiter, die mitgehen und nicht irgendwann einfach an der nächsten Kreuzung abbiegen und in eine andere Richtung laufen. Und das, obwohl Betroffene wahrscheinlich die meiste Zeit stumm, mit dem Blick nach unten neben ihnen herlaufen, weil sie die vielen schönen Dinge am Wegesrand so überhaupt gar nicht interessieren. Wie auch, sie schauen nach unten, um einen Schritt nach dem anderen machen zu können. In Zeiten der Depression können sie den Weg nur so hinter sich bringen.


Betroffene sitzen also am liebsten in ihrer Höhle, gerne mit der Decke über dem Kopf, zur besseren Schallisolierung und erhalten die Nachricht Lass uns mal einen Kaffee trinken gehen – einer ihrer Weggefährten möchte sie aufmuntern.


Gedanken an:


"Oh nein! Raus gehen, Menschen, reden, antworten, Geschirr klimpern, dem Gespräch folgen, Konzentration irgendwie aufrechterhalten, ich will nicht raus, das schaffe ich nicht, das ist mir zu anstrengend, das sehen doch auch alle! Aber das ist doch so lieb gemeint, ich habe beim letzten Mal schon abgesagt, ich sage ständig ab, irgendwann hat die auch keinen Bock mehr, was für eine Ausrede soll ich diesmal nehmen, ich will ja nicht irgendwas erzählen, soll ich doch gehen, oder besser nicht?"


Gedanken aus (naja nicht wirklich, schön wär's!)


Zerrissen zwischen der sicheren Höhle und den unendlichen Weiten da draußen. Zerrissen, weil man seine Freunde ständig zurückweist. Zerrissen, weil man so gerne klar, gerne antworten möchte (kann doch nicht so schwer sein!), aber es doch zu schwer ist. Es vergeht also erstmal Zeit. Zeit, in der diese Gedanken ständig wiederholt werden, man sich ausmalt, wie man völlig fertig im Café sitzt, schwindelig vor lauter Anstrengung, nicht mehr wirklich in der Lage, dem Gespräch zu folgen. Am Ende der Gedankenspirale steht die Chance, zuzusagen – je nach Tagesform – bei 50/50 oder 0 und man ist nie zufrieden, egal ob man klar, gerne antwortet oder Sorry, heut nicht, mir geht`s nicht so gut. Zusagen heißt Stress, Anstrengung und danach Erschöpfung (oder am Ende auch Stolz, es geschafft zu haben!), absagen bedeutet ganz einfach Scheiße, schon wieder versagt.


Bitte weiter fragen

Also, an alle Weggefährten da draußen, die gerne möchten, dass Betroffene mal wieder den Kopf heben, um die schönen Dinge zu sehen: Fragt bitte weiter! Fragt vielleicht anders, idealerweise: Soll ich mal mit einem Kaffee vorbeikommen? oder Soll ich mal zum Quatschen vorbeikommen? Oder bleibt bei der Variante Lass uns mal einen Kaffee trinken gehen und seid euch bewusst, dass das eine zwar lieb gemeinte aber für manche schwer umzusetzende Aufforderung ist, die euer Gegenüber im Moment nicht leisten kann. Dann akzeptiert das.


Es ist ok

An alle Betroffenen, für die leider noch kein passender Raumanzug erfunden wurde: Auch wenn es schwer ist, aber versucht ehrlich zu sein! Menschen, die euch diese Nachricht senden, machen dies doch meist, weil sie sich Sorgen machen und kümmern wollen, oder? Erklärt ihnen, wie es euch bei dieser Nachricht geht und warum ihr im Moment eben nicht einfach mal ins Café gehen könnt. Oder fragt, ob ein Kaffee bei euch zu Hause auch ok wäre. Die Antwort wird doch mit Sicherheit klar, gerne sein. Macht euch keine Vorwürfe, dass ihr im Moment nicht perfekt „funktioniert“. Solche Phasen sind Teil eurer Erkrankung. Wenn ihr euch das Bein gebrochen habt, ist es doch auch kein Problem für euch, die Verabredung zum Joggen abzusagen, oder? Ja, leicht gesagt bzw. geschrieben, wäre schön, wenn wir das alle so sehen würden bzw. könnten! Aber letztendlich ist es so, ein Beinbruch ist heilbar und auch Depressionen können geheilt werden.


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Danke


Lena


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