• Seelenlabor

Helfen hat Grenzen - It is not your job or responsibility to fix anyone



“It is not your job or responsibility to fix anyone.”
“They are adults and they can change themselves on their own.”

Shahida Arabi, Autorin



Manchmal hat man beim Lesen ja diese typischen Aha-Momente. Als ich diese beiden Sätze von Shahida Arabi, einer amerikanischen Autorin, las, dachte ich „wie recht sie hat“! Zwar bezog sie sich eher auf Menschen, die uns nicht guttun, aber je länger ich darüber nachdachte, desto mehr wurde mir klar, dass das eigentlich auch zutrifft, wenn wir Menschen mit psychischen Erkrankungen begleiten – und zwar nicht im negativen Sinne.


Ja, ich kann niemanden ändern oder „heilen“, das kann nur jeder für sich allein tun. Leider ist genau das so schwer zu akzeptieren, wenn wir psychisch erkrankte Menschen als Freunde oder Angehörige begleiten. Wir möchten so gerne wissen, was wir tun oder ändern müssen, damit es ihnen besser geht, sie aus dem Loch wieder rauskommen oder was auch immer. Oft vergessen wir dabei, dass wir nur bis zu einem gewissen Grad helfen können und uns leider oft viele Türen verschlossen bleiben. Wir können ganz praktische Hilfe leisten, den Einkauf erledigen, motivieren, begleiten, zuhören. All das hilft und kann hoffentlich auch dazu beitragen, dass Betroffene einen Schritt in die richtige Richtung machen, Hilfe suchen und sich besser fühlen. Wir können versuchen, zu motivieren dranzubleiben, auch wenn es schwierig ist. Wir können ihnen vermitteln, dass es die Möglichkeit gibt, was gegen die Erkrankung zu tun, ihnen Informationen an die Hand geben und sie ermutigen Chancen zu nutzen. Aber wir können den Weg nicht für sie gehen, das müssen sie eigenständig tun. Nicht alleine, aber eigenständig.


It is not your job or responsibility to fix anyone.

Dieser Satz hört sich für jeden, der helfen möchte, wahrscheinlich erstmal negativ an. „Es ist nicht dein Job“ heißt aber nicht, „halt dich raus und kümmere dich nicht drum“. Vielmehr geht es darum, dass wir diesen konkreten Job einfach nicht übernehmen können, weil wir dafür nicht qualifiziert sind. Wir sind (in den meisten Fällen) keine Therapeuten oder Psychiater. Diese braucht es aber, um psychische Erkrankungen zu behandeln. Und neben diesen Experten braucht es noch eine weitere wichtige, um nicht zu sagen die wichtigste Person: die/den Erkrankte*n selbst. Auch diese Position können wir nicht besetzen, denn der Wille, die Krankheit anzugehen und sich behandeln zu lassen, muss von der/dem Betroffenen selbst kommen. Sie/er muss diesen Willen in die Tat umsetzen und Veränderungen zulassen und (mit) einleiten. Dabei sollten wir keinen Druck aufbauen, sondern begleiten und ermutigen, dies zu tun.


They are adults and they can change themselves...

Hört sich auch irgendwie negativ an, nach dem Motto „nicht meine Baustelle, du bist erwachsen“. Heißt für mich aber auch, dass man Betroffenen auch zugestehen und zutrauen muss, dass sie erwachsen sind und das selbst, in gewisser Weise alleine, hinbekommen. Oft neigen wir bei psychischen Erkrankungen dazu, Betroffene als (willens-)schwach anzusehen. Gerade bei einer Depression oder bei Ängsten vermitteln sie den Eindruck, vieles nicht schaffen zu können. Und oft ist es auch so, das ist Teil der Erkrankung. Gleichzeitig meistern sie aber vieles, was uns vielleicht gar nicht so bewusst ist. Vielleicht schaffen sie es nicht zur Arbeit zu gehen, aber sie schaffen es jeden Tag aufzustehen und einem geregelten Tagesablauf nachzugehen. Auch das ist eine Leistung, die viele nur nicht sehen, weil es für uns selbstverständlich ist. Aber das zeigt doch auch Willensstärke. Es ist daher sehr wichtig, diese (vermeintlich unsichtbaren) Ressourcen und Erfolge zu sehen und zu honorieren. Viele psychisch Erkrankte sind in der Lage, sich selbst zu ändern und an ihrer Krankheit zu arbeiten, nur halt nicht in den (sichtbaren) riesigen Schritten, die wir Außenstehende gerne sehen würden. Aber die Ressourcen und die Motivation etwas zu ändern sind sehr oft da. Unsere Aufgabe als Helfende ist es, diese zu erkennen, aufrechtzuerhalten und zu stärken (Empowerment auf Neudeutsch).


Das ist unser Job! Wenn wir uns darauf konzentrieren, können wir tatsächlich wertvolle Hilfe leisten und Betroffenen viele Türen öffnen, denke ich. Vor allem besteht dann nicht so sehr die Gefahr, uns selbst in unserer Helferrolle zu verlieren, weil wir glauben, die Welt retten zu müssen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Viele Menschen, die psychisch Erkrankte begleiten, wissen, wovon ich rede. Das ist in vielen Fällen sicher nicht einfach, aber dann gilt auch für uns: We are adults and we can change ourselves on our own. 😉


Teile diesen Post gerne mit Menschen, denen er helfen könnte. Danke!








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