• Lena

Die Macht der Sprache: Was sollte ich depressiven Menschen nicht sagen?


Für Menschen, die gerade eine Depression erleben, können Worte sehr machtvoll sein. Vieles wird hinterfragt, Depressive neigen dazu sehr viel zu grübeln, auch über Dinge, die für andere völlig nebensächlich erscheinen. Hinzu kommt, dass manche Menschen nicht akzeptieren wollen oder können, dass man in einer depressiven Phase "nicht einfach mal machen kann". Es geht nicht. Daher möchte ich hier ein paar Beispiele dafür nennen, was man depressiven Menschen eher nicht sagen sollte bzw. was falsch verstanden werden könnte. Auch wenn es meist gut gemeint ist, kommt es bei Betroffenen vielleicht falsch an.


„Du musst mal raus.“

Wenn ich gerade nicht raus will/kann, dann gehe ich nicht raus. Der Satz „du musst mal raus“ erzeugt einen großen Druck, weil man als Betroffener meist natürlich weiß, dass es total gesund und gut ist, spazieren zu gehen oder so, aber es geht nun mal manchmal einfach nicht. Jedes „muss“ erzeugt Druck und den machen sich Betroffene schon selbst genug. Entscheidungen für Depressive zu treffen, kann diese total verunsichern und auch wütend machen, weil es auf gewisse Weise eine Überforderung und Bevormundung darstellt.


„Das ist nur eine Phase.“

Allein das Wort „nur“ ist in diesem Satz schon falsch, denn das Wort „nur“ wird einer Depression nie gerecht. Es ist nie „nur“ Traurigkeit oder „nur“ Schlaflosigkeit, es ist viel mehr als das und oft auch länger als „nur“ eine Phase lang. Außerdem suggeriert das Wort „nur“, dass es ja gar nicht so schlimm ist. Das vermutlich noch von jemandem gesagt zu bekommen, der noch nie eine Depression hatte, kann Depressive zusätzlich belasten oder auch regelrecht wütend machen.


„Du warst dazu ja nicht in der Lage.“

Etwas ohne Absprache tun, wie Arzttermine oder andere Dinge arrangieren, solche unerwarteten Aktionen können depressive Menschen total überfordern. Ein Treffen mit ein paar Freunden „zum Aufheitern“ ist nett gemeint, für eine depressive Person unter Umständen aber der blanke Horror. Menschen, reden, zuhören, im schlimmsten Fall eine Rolle spielen und so tun als wäre alles wieder gut – all das kann unglaublich anstrengend sein und dazu führen, dass Betroffene danach erstmal einen Tag im Bett verbringen müssen, um sich zu erholen. Auch wenn Betroffene manchmal extrem antriebslos sind und oft Probleme haben, eigene Entscheidungen zu treffen – und dabei womöglich Hilfe brauchen – sind sie eigenständige, mündige Menschen, die eigene Entscheidungen treffen dürfen. Wenn sie zu manchen Dingen oder Handlungen nicht in der Lage sind, ist das ein Symptom dieser Krankheit und oft keine willentliche Entscheidung, Unzulänglichkeit oder gar Faulheit.

Ausnahme! Wenn die betroffene Person in einer akuten Krise ist und eine Gefahr für sich oder auch andere darstellt, ist es natürlich wichtig und richtig für die Personen zu entscheiden! Im Zweifel solltet ihr die Person zum Arzt begleiten, Vertrauenspersonen kontaktieren oder den Rettungswagen rufen.


„Alles wird gut.“

Solche allgemeinen Aussagen sind in einer depressiven Phase nicht immer hilfreich. Für die depressive Person ist gerade nichts gut und es wird auch nicht alles einfach so wieder gut. Natürlich möchten alle, dass eine Depression schnell wieder verschwindet und alles gut wird, aber so einfach ist das leider nicht. Außerdem haben Erkrankte in dem Moment vielleicht keine Ahnung, wie alles wieder gut werden soll. Dann kann ein solcher Satz besonders belastend sein, weil sie nicht wissen, was sie tun sollen. Was besser hilft, sind konkrete Aussagen wie „nach dem Arztbesuch wissen wir, was dir am besten hilft“ oder „es ist ok, dass es dir gerade nicht gut geht, das ist Teil deiner Erkrankung, aber wir können zusammen gucken, was dir helfen kann“.


„Jeder hat mal eine schlechte Zeit.“

Schlechte Zeiten sind (in vielen Fällen) keine Depression und daher nicht damit zu vergleichen. Das „jeder“ bagatellisiert diese Erkrankung, denn zum Glück (!) leidet nicht „jeder“ an einer Depression. Dieser Satz kann dazu führen, dass die betroffene Person sich schämt, weil sie sich „so anstellt“ und das wiederum kann dazu führen, dass sie nicht zum Arzt geht und sich helfen lässt. Das kann fatal und gefährlich sein! Seid ehrlich und sagt zum Beispiel „Ich kann nicht genau nachvollziehen, wie du dich fühlst, aber ich bin an deiner Seite und helfe dir“.


„Warum geht’s dir so schlecht, du hast doch alles!“

Ein Diabetiker hat womöglich auch alles und ist trotzdem krank. Komisch? Nein, weil es die Vorgänge in unserem Körper und in unserem Gehirn nicht interessiert, wie viel Geld wir auf dem Konto haben. Ein privilegiertes Leben ist kein Schutzfaktor für eine Depression, denn auch Menschen, die alles haben, können körperliche Risikofaktoren, familiäre Vorbelastung oder Schicksalsschläge haben.


„Ich habe auch viel Stress.“

Dieser Satz kann Betroffene sehr wütend machen, denn sie haben nicht einfach nur „viel Stress“, sie sind krank. Einen solchen Satz von jemanden zu hören, der sein Leben ohne Depression im Griff hat und „nur“ den normalen Alltagsstress bewältigen muss, ist für eine depressive Person extrem belastend. Es suggeriert, dass andere Menschen es besser können, ohne depressiv zu werden und fördert Scham und Schuldgefühle. Eventuell fühlt sich die depressive Person schlecht, weil sie euch nun auch noch mit den eigenen Problemen belastet. Oder sie fühlt sich schlecht, weil sie denkt „du hast doch keine Ahnung, wie schlecht es mir geht“. Auch wenn es eure Intention war, Empathie zu zeigen und Mitgefühl auszudrücken, wenn ihr nicht wirklich wisst, wie es ist, depressiv zu sein, vermeidet solche Sätze, in denen ihr vorgebt zu wissen, wie es ist.


„Wie geht`s dir?"

Für viele eine Floskel, für depressive Menschen eine Frage, die stresst und manchmal auch nervt. Meist heißt die Antwort „gut“ oder „ganz ok“. Wenn es einem richtig schlecht geht vielleicht auch mal „ich bin ein bisschen müde“. Einerseits haben depressive Menschen oft das Gefühl, dass sie eh keiner versteht – es sei denn die Person, die fragt, ist selber depressiv. Deswegen versucht man der Frage auszuweichen, denn eine ehrliche Antwort würde vielleicht sehr sehr negativ ausfallen, das will man wiederum dem Gegenüber nicht aufbürden. Andererseits liegt es einfach daran, dass diese Krankheit so komplex ist und oft auch die Gefühlswelt so durcheinander bringt, dass man auf diese Frage einfach nicht antworten kann, weil man es einfach nicht mehr fühlt, wie es einem geht! So einfach.

Stellt diese Frage in einer Situation, in der ihr wirklich bereit seid, euch Zeit zu nehmen und zuzuhören. Ansonsten stellt sie einfach nicht.


Vielen Depressiven kann es vielleicht schon helfen, wenn ihr einfach Mal über ganz banale Themen redet und nicht darüber, wie es ihnen gerade geht. Wenn ihr euch über das Thema Depression unterhaltet und ihr diese noch nie erlebt habt, dann seid einfach ehrlich und neugierig. Versucht herauszufinden, was dem/der Betroffenen gerade fehlt und wie ihr vielleicht helfen könnt. Manchmal reicht es auch völlig aus, einfach da zu sein und nichts zu sagen.


Wenn euch weitere Sätze oder Worte einfallen, die ihre als Betroffene nicht hören wollt/könnt, schreibt sie gerne in die Kommentare und schreibt auch dazu, was euch stattdessen helfen würde.


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Danke!


Lena


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