• Lena

4 Gründe, warum Betroffene keine Hilfe in Anspruch nehmen - und was ihr tun könnt



Liebe Leute,


was passiert, wenn ihr Zahnschmerzen habt, die einfach nicht aufhören?


Wahrscheinlich das:

1. Ihr merkt, dass ihr Schmerzen habt.

2. Ihr identifiziert diese Schmerzen als Zahnschmerzen.

3. Ihr erkennt, dass ihr offensichtlich ein Mensch mit Zahnschmerzen seid.

4. Ihr müsst euch wohl oder übel eingestehen, dass ihr professionelle Hilfe braucht.

5. Ihr fasst den Entschluss einen Termin beim Zahnarzt zu machen (und macht das auch).

6. Ihr geht zum Zahnarzt und löst somit das Problem.


Super, so einfach geht’s!


Aber warum machen Menschen mit psychischen Problemen das nicht genauso? Wieso suchen sie sich keine, oder erst sehr spät, Hilfe?


Dafür gibt es viele Gründe, einige mögliche möchte ich euch hier erklären. Denn tatsächlich ist es so, dass viele Menschen, die psychische Probleme bei sich wahrnehmen, nicht einfach zum Hörer greifen und einen Termin machen. Oft scheitert es schon daran, dass sie gar nicht wissen, dass sie ein Problem haben, das man gut behandeln kann. Wenn ihr also Freunde oder Angehörige habt, die eurer Meinung nach doch „einfach mal zum Arzt gehen“ müssten und dies aber nicht tun – hier ein paar Gründe, warum das so sein könnte und Tipps, wie ihr helfen könnt.


Unwissen

Psychische Probleme und Erkrankungen äußern sich auf ganz unterschiedliche Weise, sowohl psychisch als auch körperlich. Viele Menschen fühlen sich vielleicht erschöpft, müde oder übermäßig ängstlich und sehen darin aber kein Problem, dass man „medizinisch“ behandeln müsste. „Wieso soll ich zum Arzt, wenn ich Angst habe? Was soll der denn da machen?“ Vielleicht sind die Symptome bereits seit langer Zeit aus dem familiären Umfeld bekannt und quasi akzeptiert: „Das liegt in der Familie, da kann man nichts machen“.


Tipp: Hier könnt ihr behutsam darauf hinweisen, dass solche Probleme auch Symptome sein können. Helft Betroffenen dabei zu verstehen, dass diese womöglich auf eine psychische Erkrankung oder Belastung hinweisen und es viele Menschen gibt, die mit solchen Problemen zu kämpfen haben und sich deshalb Hilfe holen oder sich in Behandlung begeben. Ein Gespräch beim Hausarzt wird dann vielleicht schon nicht mehr so abwegig erscheinen.


Scham und Stigmatisierung

Eine Befragung der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) aus dem Jahr 2020 ergab, dass 65% der Beschäftigten sich mindestens ein wenig schämen würden, wenn sie psychisch erkrankt wären – vor allem jüngere Menschen. Gleichzeitig kam heraus, dass Menschen, die sich besonders dafür schämen, weniger bereit sind, ihr privates oder berufliches Umfeld um Hilfe zu bitten. Dieses Problem ist in vielen Studien untersucht worden und allgemein anerkannt: Menschen schämen sich so sehr, dass sie keine Hilfe suchen und auch nicht zum Arzt gehen. Das wiederum führt dazu, dass sich die Erkrankung erst richtig breit machen kann. Gekommen, um zu bleiben sozusagen. Die Befragung der INQA fand übrigens auch folgendes heraus: Je mehr sich die Menschen für ihre psychischen Probleme schämen, desto eher halten sie irgendwie durch und gehen trotzdem weiter zur Arbeit. Scham ist also ein ganz großer Punkt. Psychische Erkrankungen werden immer noch sehr stark stigmatisiert, vor allem solche, mit denen wir im Alltag wenig Berührungspunkte haben, wie Schizophrenie zum Beispiel. Zwar wandelt sich das Bild bereits ein bisschen bei den Depressionen, aber das reicht lange noch nicht. Da haben wir noch viel zu tun!


Tipp: Mache der betroffenen Person klar, dass psychische Erkrankungen keine Schwäche sind und entgegen der öffentlichen Meinung nichts, wofür man sich schämen muss. Gerade im Berufsleben machen sich viele Menschen Gedanken, was passiert, wenn sie mit einer solchen Diagnose „behaftet“ sind. Dennoch ist es sehr wichtig, zu verstehen, dass solche Erkrankungen durch unterschiedliche Faktoren entstehen – körperliche, psychische, soziale – und man keine Schuld daran hat, dass sie entstehen. Mehr als jeder Vierte in Deutschland erkrankt im Laufe des Jahres an einer psychischen Erkrankung. Der Leidensdruck ist teilweise sehr viel höher als bei rein körperlichen Erkrankungen, daher ist es sehr wichtig, früh Hilfe zu holen. Ermutigt sie offen über die Probleme zu sprechen, das kann helfen, die Scham abzubauen.


Angst vor der Behandlung

Manchmal wissen Menschen vielleicht bereits, dass sie ein psychisches Problem haben, Angst hält sie aber davor, sich in Behandlung zu begeben. Hier herrscht oft viel Unwissenheit. Betroffene, die sich mit dem Thema noch nicht so auseinandergesetzt haben, wissen nicht, wie eine Behandlung abläuft. Horrorstorys von Medikamenten, die abhängig machen oder Zwangseinweisungen spielen hier eine Rolle. Allein der Begriff „Psychiatrie“ ist doch so negativ und mit Angst besetzt, dass man solche Ängste durchaus verstehen kann.


Tipp: Fakten schaffen und den Betroffenen diese Angst nehmen. Grundsätzlich gilt, dass jede*r ein Mitspracherecht bei der Behandlung hat und diese auch ablehnen kann (extreme Ausnahme: er/sie ist nicht einwilligungsfähig). Für Zwangseinweisungen oder Zwangsbehandlungen gelten in Deutschland extrem hohe rechtliche Hürden. Nur wer sich selbst oder andere akut gefährdet wird zu seiner eigenen Sicherheit auch gegen seinen Willen in eine stationäre Einrichtung gebracht. Das alles ist aber bei den meisten psychischen Erkrankungen überhaupt nicht notwendig und vorgesehen! Es ist im Gegenteil wichtig und auch so angedacht, dass die Betroffenen die Behandlung mitgestalten und in alle Entscheidungen einbezogen werden. Natürlich können Medikamente zum Einsatz kommen, nämlich weil sie helfen! Natürlich gibt es auch Nebenwirkungen, wie bei anderen Medikamenten auch, viele machen aber entgegen vieler Mythen nicht abhängig. Mittlerweile gibt es gute Möglichkeiten und Alternativen, um das für die/den Betroffene*n passende Medikament zu finden. Also: bitte helft Fakten zu schaffen und Betroffenen so die Angst vor einer Behandlung zu nehmen.


Schlechte Vorerfahrungen

Die Behandlung von psychischen Erkrankungen ist für Betroffene alles andere als ein Spaziergang. Hier sind Mut, Kraft und Durchhaltevermögen gefragt. Umso frustrierender, wenn Menschen sich mit ihren Problemen an jemanden wenden und dann enttäuscht werden. Vielleicht hat jemand die eigenen Probleme als „Phase“ abgetan oder schlimmer noch, das leider oft übliche „stell dich nicht so an“ rausgehauen. Nicht jeder Besuch beim Arzt und vielleicht auch nicht der erste Aufenthalt in einer Klinik führt sofort zum Erfolg. Dann heißt es umso mehr: Mut, Kraft, Durchhaltevermögen.


Tipp: Wenn Betroffene euch von schlechten Erfahrungen erzählen und dies als Beweis dafür nehmen, dass es doch eh nichts bringt oder sie eh nicht ernstgenommen werden: Hört ihnen unvoreingenommen zu und lasst sie davon berichten. Vielleicht wird das Ganze etwas dramatischer dargestellt als es tatsächlich war, weil viel Enttäuschung mit im Spiel ist. Dann akzeptiert das so, macht der Person keine Vorwürfe. Weist unbedingt darauf hin, dass es andere Möglichkeiten gibt und man einen zweiten Versuch starten sollte. Wenn der Besuch in der Hausarztpraxis nichts gebracht hat, versucht es bei einer anderen Praxis oder erstmal bei einer Beratungsstelle. Wichtig ist, dranbleiben und neue Motivation und Hoffnung geben. Das ist für euch als Helfende keine leichte Aufgabe, aber versucht es und nehmt das Gespräch immer wieder auf.


Es gibt wahrscheinlich noch viele weitere, ganz individuelle Gründe, warum sich Betroffene keine oder erst sehr spät Hilfe holen. Die Tatsache, dass es leider sehr oft keine freien Termine bei Therapeuten gibt, muss man ja schon fast nicht mehr erwähnen. Ich kann es nicht oft genug sagen/schreiben: Frühe Hilfe ist bei psychischen Erkrankungen soooo wichtig. Ich denke, wenn ihr diese vier Gründe ein bisschen im Hinterkopf behaltet, könnt ihr vielleicht schon viele Hürden abbauen und Betroffene ermutigen, den ersten Schritt zu wagen.


Teilen hilft heilen. Teile diesen Post gerne mit Menschen, denen er helfen könnte.


Danke


Lena


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Quelle:

Initiative Neue Qualität der Arbeit. Offener Umgang mit psychischer Gesundheit. Aktuelle Ergebnisse einer Beschäftigten- und Bevölkerungsbefragung. 2020. Bundesministerium für Arbeit und Soziales

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