Frau auf Fensterbank

Angsterkrankungen verstehen

Woher kommt die Angst - Ursachen

Viele Faktoren

Angsterkrankungen entstehen meist durch ein Zusammenspiel mehrere Faktoren. Der familiäre Hintergrund, also genetische Faktoren bzw. die sogenannte genetische Vulnerabilität, können eine Rolle spielen. Oft sind Angsterkrankungen über mehrere Generationen in der Familie zu finden, auch wenn nicht alle darüber sprechen oder gesprochen haben. Wer sich dafür interessiert, sollte sich mal das sehr spannende Thema der Epigenetik genauer anschauen. Hinzu kommen neurobiologische Veränderungen, die im Gehirn stattfinden, was bedeutet, dass bestimmte Areale im Gehirn verändert sind und somit eine Angsterkrankung begünstigen. Oft sind Auslöser von Angsterkrankungen Lebensereignisse oder die Art und Weise, wie wir aufgewachsen sind oder was wir gelernt und verinnerlicht haben. Panikstörungen werden zum Beispiel öfter bei Menschen diagnostiziert, die eine Trennung der Eltern, den Tod des Vaters oder Alkoholmissbrauch innerhalb der Familie erlebt haben.

 

Niemand ist schuld

Wichtig ist – wie bei allen psychischen Erkrankungen – niemand ist schuld daran, dass ein Mensch an dieser Erkrankung leidet. Es ist immer ein Zusammenspiel von mehreren ungünstigen Faktoren im Leben. Oft ähneln die ersten Symptome einer Angsterkrankung wie Herzrasen oder Schwindel anderen Erkrankungen, daher ist es auch hier wichtig, die Hausarztpraxis aufzusuchen – oder im akuten Fall den Notarzt zu rufen – um die Symptome abklären zu lassen. Gerade bei Angsterkrankungen ist es wichtig zu wissen, dass Betroffene dabei oft Unterstützung benötigen, weil vielleicht schon das Telefonieren so angstbesetzt ist, dass sie sich nicht trauen, einen Termin beim Arzt zu vereinbaren. Hier ist es wichtig, mit Betroffenen zu sprechen, ihnen Hilfe anzubieten und gemeinsam zu entscheiden, was man tun kann.  

Angst ist nicht gleich Angst - Varianten & Symptome

Was heißt F40.0? Das ist der ICD-10 Code für diese Erkrankung. Diese Codes findest du z.B. auf dem Krankenschein, sie werden international verwendet.

Welche Angsterkrankungen gibt es?

Angst kann zur Krankheit werden, wenn sie das „normale“ Maß übersteigt. Alle Menschen haben Angst in bestimmten Situationen und meist ist diese Angst dann auch irgendwie objektiv begründet, zum Beispiel wenn wir mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug springen sollen – das ist eine nicht ungefährliche Situation, es könnte tatsächlich etwas schiefgehen. Menschen, die unter Angsterkrankungen leiden, spüren diese Angst in ganz alltäglichen Situationen wie in den Supermarkt gehen, telefonieren, mit dem Bus fahren oder wenn sie das Haus verlassen oder eine Spritze sehen. Aber Angst ist nicht gleich Angst. Je nachdem, in welchem Zusammenhang die Angst auftritt, wird nach unterschiedlichen Angsterkrankungen unterschieden, wobei oftmals mehrere Formen gleichzeitig auftreten können. Ich möchte hier ein paar der wichtigsten Angsterkrankungen vorstellen und deutlich machen, welche Einschränkungen sich daraus für die Betroffenen ergeben.

 

 

Agoraphobie (F 40.0)

Wenn Menschen Angst davor haben, sich in Menschenmengen, auf öffentlichen Plätzen, in Bus oder Bahn oder allgemein außerhalb des Hauses aufzuhalten, spricht man von Agoraphobie (Agora steht im Griechischen z.B. für Marktplatz). Oftmals geht dieser Angst eine Panikattacke mit Herzrasen, Schwindel oder ähnlichen Symptomen an genau solchen Orten voraus. Daraus ergibt sich wiederum die Angst, an diesen Orten nicht die notwendige medizinische Hilfe erhalten zu können, falls ein Notfall auftritt. Die Angst, keine Kontrolle über die Situation zu haben, ist hier ein wichtiger Faktor. Also meiden die Betroffenen bestimmte Orte, ziehen sich zurück und können im schlimmsten Fall das Haus nicht mehr verlassen.  

Soziale Phobie (F 40.1)

Menschen haben bei dieser Phobie große Angst davor, sich in sozialen Situationen zu blamieren oder zu versagen, sie tritt oft bereits im Jugendalter auf. Die Angst kann sich bei einer leichten Form auf das Halten von Vorträgen beschränken. Oft werden jedoch viele „normale“ Situationen zum Auslöser von Angst oder Panikattacken wie der Gang zum Bäcker, das Telefonieren oder sogar das Schreiben einer E-Mail. Natürlich wird das Leben dieser Menschen dadurch extrem eingeschränkt, denn um die Angstsymptome wie Herzrasen, Schwitzen oder Zittern zu vermeiden, versuchen sie alle angstauslösenden Situationen zu umgehen. Sie können nicht mehr telefonieren, weil sie befürchten, etwas Falsches zu sagen, etwas falsch zu verstehen oder negativ bewertet zu werden, wenn sie vor lauter Angst nicht die richtigen Worte finden. Die Angst breitet sich oft über Jahre in vielen Lebensbereichen aus und kann zu einem kompletten Rückzug aus dem sozialen Leben führen. Diese soziale Isolation wird oftmals durch Depressionen begleitet.

Spezifische Phobie (F 40.2)

Bei manchen reicht schon das Wort „Spinne“, um ein Angstgefühl auszulösen. Bei der spezifischen Phobie handelt es sich also um eine Angst vor Tieren, ärztlichen Untersuchungen oder Spritzen, Höhe, engen Räumen oder anderen Dingen. Hierbei ist die Angst oft auf diese eine Sache reduziert und schränkt das Leben also meist nicht in dem Maße ein, wie andere Phobien. Dennoch kann die Angst vor einer Zahnbehandlung zum Beispiel so groß sein, dass Patienten Panikattacken bekommen oder beim Anblick einer Spritze in Ohnmacht fallen.

 

Panikstörung (F 41.0)

„Ich kriege gleich eine Panikattacke“ – dieser Spruch wird mittlerweile auch gerne mal umgangssprachlich bei Stress oder einem großen Schrecken verwendet. Eine echte Panikattacke ist damit nicht zu vergleichen. Das Gefühl, zu sterben oder gleich ohnmächtig zu werden, ist typisch für eine solche Attacke und für denjenigen, der sie erlebt, absolut real – auch wenn man durch eine reine Panikattacke nicht sterben kann und meist auch nicht mal ohnmächtig wird. Doch Herzrasen, hoher Blutdruck, Schwindel, Schwitzen, Übelkeit und das Gefühl, in jedem Moment ohnmächtig werden zu können, sind typische Symptome einer Panikattacke. Meist dauert eine solche Attacke maximal 20-30 Minuten, auch wenn es sich für die Betroffenen viel länger anfühlt. Aber Achtung: solche Symptome können auch auf andere medizinische Notfälle hinweisen, daher sollte im Zweifel immer ein Arzt gerufen werden. Wenn ein Mensch mehrere Panikattacken innerhalb von ein paar Wochen erlebt, spricht man von einer Panikstörung. Aber auch viele Menschen, die unter Phobien, Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen leiden, erleben diese Attacken häufig. Da das Erleben einer Panikattacke und der Angst zu sterben sehr heftig sein kann, entwickeln viele Menschen nach ihrer ersten Panikattacke die sogenannte „Angst vor der Angst“. Die Angst wieder eine solche Attacke durchstehen zu müssen führt dazu, dass sie zum Beispiel die Orte oder Situationen, an denen die erste Panik einsetzte, meiden, was wiederum oft zu einem Rückzug aus dem sozialen Leben führen kann.

Generalisierte Angststörung (F 41.1)

Diese Art der Angst bezieht sich eben nicht auf spezielle Orte, Dinge oder Situationen, sondern ist vielmehr ständig in allen Lebensbereichen vorhanden. Menschen, die darunter leiden, plagen sich durchgehend mit Sorgen und Ängsten, dass ihnen oder Menschen in ihrem Umfeld etwas passieren, sie einen Unfall oder eine Krankheit erleiden könnten. Da die Angst ständig da ist, zeigen sich auch viele körperliche Symptome wie Nervosität, Zittern, Schwindel oder starke Unruhe. Auch hier ist die Krankheitslast sehr hoch und das alltägliche Leben stark eingeschränkt.

Zwangsstörung (F 42)

Wenn Menschen zwanghafte Gedanken haben oder Dinge tun müssen, weil sie glauben, dadurch ein Unheil verhindern zu können, leiden sie unter einer Zwangsstörung. Sie treibt die Angst, dass beispielsweise jemand zu schaden kommen oder sogar sterben könnte, wenn sie bestimmte Handlungen nicht ausreichend oft wiederholen, wie Dinge ordnen, Händewaschen etc. Teilweise können auch Zwangsgedanken auftreten, die sie beispielsweise zu gewalttätigen Taten auffordern. All das kann dazu führen, dass die Betroffenen ihr Leben nicht mehr wie gewohnt führen können, weil sie aufgrund der Zwangshandlungen nicht mehr in der Lage sind, das Haus zu verlassen oder arbeiten zu gehen. Auch geht diese Erkrankung mit viel Scham einher. Daher trauen sich viele Betroffene oft nicht, sich Hilfe zu holen.

Bei allen Angsterkrankungen besteht oft ein sehr hoher Leidensdruck, weil das Leben durch die Erkrankung teilweise sehr stark eingeschränkt wird. Die Angst vor der Angst führt dazu, dass viele Erkrankte die Situationen meiden, in der die Angst auftritt und somit immer weniger soziale Kontakte pflegen können oder das Haus gar nicht mehr verlassen. Besonders tragisch daran ist, dass dieses Vermeiden die beste Nahrung für jede Angst ist. Je mehr Betroffene also vermeiden, desto mehr kann sich die Angst ausbreiten. Auch deshalb ist es besonders wichtig, das Gespräch zu suchen und Betroffenen Hilfe anzubieten.